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388680853X NICOLAS WERTH (AUTOR), ENRICO HEINEMANN (ÜBERSETZER), NORBERT JURASCHITZ (ÜBERSETZER), Die Insel der Kannibalen: Stalins vergessener Gulag
NICOLAS WERTH (AUTOR), ENRICO HEINEMANN (ÜBERSETZER), NORBERT JURASCHITZ (ÜBERSETZER)
Die Insel der Kannibalen: Stalins vergessener Gulag
, Siedler Verlag, Auflage: 2. 224, 21,8 x 14,2 x 2,4 cm, Hardcover. Zustand: 2. Ausgesetzt in Sibirien – Stalins grausames Experiment - Nicolas Werth erzählt ein Kapitel der Geschichte des Stalinismus, das bislang sowohl der Öffentlichkeit als auch der Forschung unbekannt war. Anfang der 30er Jahre befahl Stalin die massenhaften Deportationen von so genannten »sozial schädlichen Elementen« auf die Insel Nasino in Sibirien. Am Rande der Zivilisation kam es zu Gewaltexzessen und zu Fällen von Kannibalismus. Frühsommer 1933. Während in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht kommen, befiehlt Stalin die »Säuberung der Städte«. Im Klartext bedeutete das die massenhafte Deportation von – tatsächlichen und vermeintlichen – Regimegegnern der Sowjetunion. Sie wurden vor allem aus den russischen Grossstädten in die unwirtlichen Regionen Sibiriens gebracht und dort ihrem Schicksal überlassen. Nicolas Werth hat eine besonders grausame Episode dieser »Säuberungswelle « erforscht und erzählt erstmals die Vorkommnisse auf der »Insel der Kannibalen«. Stalin liess Tausende von Menschen auf Nasino aussetzen – einer Insel inmitten eines sibirischen Flusses. Moskau nahm bewusst in Kauf, dass viele Menschen dabei verhungerten. Es kam zu Menschenjagden und einigen dutzend Fällen von Kannibalismus unter den Deportierten. Nicolas Werth kann sich bei seiner Darstellung auf bisher unbekannte Dokumente aus dem zentralen Archiv des russischen Geheimdienstes stützen, das für Forscher in der Regel unzugänglich ist. In diesem vergessenen Gulag, so kann Werth eindrucksvoll zeigen, führte die stalinistische Utopie einer neuen Gesellschaft zum vorzivilisatorischen Krieg aller gegen alle. Nicolas Werth ist ein herausragender Historiker und als Autor des »Schwarzbuch des Kommunismus« international bekannt. Über den Autor: Nicolas Werth lehrt Geschichte am renommierten französischen Institut für Zeitgeschichte CNRS (Centre national de la recherche scientifique) mit dem Schwerpunkt Geschichte der UdSSR. Von 1985 bis 1989 war er Kulturattaché der französischen Botschaft in Moskau Besprechung / Review zu "Die Insel der Kannibalen": „Nicolas Werths nüchterne Studie „Insel der Kannibalen“ zeigt exemplarisch, wie dünn die Linie zwischen scheinbar modernen Massnahmen eines sozialen Ingenieurstums und atavistischen Vernichtungsreflexen ist, sobald die aussortierten Menschen zu reinen Objekten ohne Stimme und ohne Gesicht geworden sind.“ Zehntausende Menschen, die man in den grossen Städten des europäischen Russlands aufgegriffen hat, werden auf einer unbewohnten Insel im Ob unter freiem Himmel als Siedler" ausgeladen, ohne jede Hilfsmittel und in ihrer städtischen Kleidung. Dass für sie bestimmte Mehl wird einfach ausgekippt, ohne Dach darüber, so dass es bei Wind und Wetter verkommt. Unter diesen Menschen bricht jede Ordnung zusammen, und sie sterben wie die Fliegen. Doch bald schwingen sich einige wenige zu Herren über die anderen auf und überleben, weil sie die Unterdrückten nicht nur ausrauben, sondern sogar schlachten und aufessen. Unbeschreibliche Horroszenen spielen sich ab. Durch Flüchtende erfahren auch die einheimischen Sibirier von den schrecklichen Zuständen auf der Insel. Auch 5000 Zigeunern, die man in einem geschlossenen Transport auf ähnliche Weise sesshaft" machen will, gelingt durch ihren sozialen Zusammenhalt die Flucht. Ein junger mutiger Kommissar schickt einen Bericht an Stalin. Der zieht 1933 den Schluss, dass die unbewachten Todessansiedlungen offenbar nicht die beste Lösung sind und schickt 1937 noch viel grössere Menschenmassen, die sich nun in mehr oder weniger geordneten und bewachten Lagern des "Archipels Gulag" zu Tode arbeiten müssen. Nicolas Werth beschreibt mit Gründlichkeit den von Stalin ausgelösten Wahnsinn, die "Städte zu säubern". Er beseitigte die Grossbauern und löste Hungersnöte aus,die Millionen Menschen das Leben kosteten. Menschen wurden willkürlich von der Strasse verschleppt und ins ferne Sibirien geschickt, wo sie ohne Ausrüstung und Nahrung der Natur und Kälte ausgesetzt waren und regelrecht vertierten. Diese Gulags waren lange Zeit ein Tabuthema - Werth macht das Ausmass dieses Verbrechens an der Menschlichkeit sehr nachdrücklich deutlich. Ein wichtiges Buch. Geschichte Stalinismus Ideologie Straflager Übersetzer Enrico Heinemann, Norbert Juraschitz Sprache deutsch Masse 135 x 215 mm Einbandart gebunden Geschichte Politik 20. Jahrhundert bis 1945 Sibiria Geschichte Stalinismus Ideologie Straflager ISBN-10 3-88680-853-X / 388680853X ISBN-13 978-3-88680-853-3 / 9783886808533 Waleri Fast ist Gründungsmitglied der Tomsker Filiale von Memorial, einer Organisation, die zu Zeiten der Gorbatschowschen Perestroika gegründet wurde, um die Erinnerung an die politische Unterdrückung in der UdSSR lebendig zu halten. Am 21. Juli 1989 sprach Fast in dem Dörfchen Nasino am Ufer des Ob, ungefähr neunhundert Kilometer nordwestlich von Tomsk, mit der Kleinbäuerin Taissja Michailowna Tschokarewa, einer Angehörigen der Volksgruppe der Ostiaken, die diese unwirtliche Gegend Sibiriens schon lange vor Ankunft der Russen besiedelt hatten. Fast zeichnete das folgende Zeugnis auf: »Wir lebten in Ergankina. Jedes Jahr zogen wir los, um auf der Insel Nasino die Pappelrinde zu verkaufen, die wir über den Fluss verschifften. Das war unser einziger Broterwerb. Wir waren mit der Familie und Lebensmitteln losgezogen, um dort die Saison zu verbringen. Und was sahen wir? Überall Leute. Man hatte sie auf die Insel gebracht. Es muss ’32 oder ’33 gewesen sein. ’33 im Frühjahr. Ich war 13 Jahre alt. Wir kamen im Dorf Nasino an, das der Insel gegenüber am Ufer liegt. Die Leute sagten: ›Sie haben Leute auf die Insel gebracht.‹ Wie viele? So um die 13 000! So viele Menschen! Wir verstanden gar nicht, was los war. Sicher war jedenfalls, dass für uns die Saison gelaufen war. Sie hatten all diese Leute auf der Insel abgeladen, einfach so, unter freiem Himmel. Das weiss ich noch. Die Leute versuchten zu fliehen. Sie fragten: ›Wo ist die Eisenbahn?‹ Wir wussten nichts von einer Eisenbahn. Sie fragten: ›Wo ist Moskau? Wo Leningrad?‹ Das konnten wir doch nicht wissen. Wir hörten zum ersten Mal von diesen Städten. Wir sind Ostiaken. Die hungernden Menschen flohen. Sie bekamen eine Handvoll Mehl. Das vermengten sie mit Wasser, schlürften es und bekamen sofort Durchfall! Das hatte man noch nicht gesehen. Die Leute starben wie die Fliegen. Sie brachten sich gegenseitig um. Am Flussufer neben der Insel gab es einen ganzen Berg Mehl. Es war wirklich genug da, um die Leute zu versorgen, und was passierte? Sie gaben ihnen gerade einmal eine Handvoll. Auf der Insel war ein Aufseher namens Kostja Wenikow, ein junger Kerl. Er machte einem schönen Mädchen, das man hierher gebracht hatte, den Hof. Er beschützte sie. Eines Tages konnte er nicht zur Arbeit erscheinen und sagte einem Genossen: ›Pass du auf sie auf.‹ Aber bei diesen ganzen Leuten in der Umgebung konnte der nicht viel ausrichten Leute haben sie geschnappt und an eine Pappel gefesselt. Sie haben ihr die Brüste abgeschnitten, die Muskeln, einfach alles, was essbar ist Sie hatten Hunger, essen muss man eben. Als Kostja wiederkam, lebte sie noch. Er wollte sie retten, aber sie ist verblutet. Der Junge hatte Pech. Solche Dinge waren an der Tagesordnung. Wenn man an der Insel entlang ging, sah man in Lappen gewickelte Stücke Fleisch. Menschenfleisch, herausgeschnitten und an den Bäumen aufgehängt. Wenn der Arzt Jakim Iwanowitsch vorbeikam, soll es auf der Insel geheissen haben: ›Der wäre ein guter Happen, fett wie der ist.‹ Der Arzt ist geflohen. Die Miliz hat ihn geholt, damit er nicht aufgefressen wird. Dann ist er als Volksfeind verhaftet worden. Und dabei gab es am Flussufer Massen von Mehl! Sie hatten zur Versorgung der Leute einen ganzen Berg Mehl angekarrt. Aber keiner weiss, was sie damit gemacht haben. Sicher ist nur, dass das Mehl schon faulte. Vielleicht wurde es auch gestohlen. Gestohlen oder nicht, ich weiss nur, dass die Leute verhungerten. Sie hatten zwei Aufseher mit ihren Familien zu uns nach Ergankina geschickt. Sie sollten unser Dorf beschützen, falls diese uns angreifen würden. Sobald die Aufseher einen erwischten, schleppten sie ihn auf einen Kahn und verfrachteten ihn auf die andere Seite des Flusses in Richtung Alt-Nasino. Dann knallten sie ihn ab und warfen die Leiche in den Fluss, die dann von der Strömung fortgetragen wurde. Da waren der Aufseher und Wassili Pjatkin, ein ehemaliger Verurteilter, der sich in Nasino und dann bei uns in Ergankina niedergelassen hatte. Diese beiden kümmerten sich darum, die Leute auf die andere Seite zu schaffen und sie zu erschiessen Unterwegs zwangen sie sie, schweinische Lieder zu singen. Sie warfen ihnen einen Kanten Brot hin, die Leute stürzten sich gierig darauf, dann mussten sie wieder singen. Als das Wasser zurückging, ging Irina mit den Tweretins zum Heumachen. Tweretin, Pjotr Alexejewitsch, führte den Laden in Ergankina, und Irina half aus. Als Irina vom Heu zurückkam, sagte sie mir: ›So ein Gestank! Ein Gestank!‹ Es war mir klar, dass sie nach etwas gesucht hatte. Sie wusch sich dauernd die Hände, und dann ging sie wieder zu den Toten. Als ich auch in die Felder ging, hielt ich mir meine Ostiakennase zu. Wie das gestunken hat. Die Toten waren verwest, lagen schon über einen Monat dort. Mir wurde klar, dass Tweretin und Irka den Leichen die Goldzähne herausrissen. ›Der Chef zwingt mich dazu‹, sagte mir Irka. In Alexandrowskoje gab es einen Torgsin, aber die nahmen kein Gold mehr. Tweretin arbeitete im Ledergeschäft, in der Kooperative Sibpuschina. Mit seinem Chef Batalow brachten sie das Gold zum Torgsin in Tomsk, und Irina bekam nichts ab. Im Torgsin in Tomsk war es egal, wo das Gold herkam. Das Gold wurde gegen Kleider, Makkaroni und andere Lebensmittel eingetauscht. Das hat mir Irina erzählt. Sie lebt heute in Tomsk. []. Die Leute flohen auf Flössen, auf Baumstämmen von der Insel. Sie waren so abgemagert, dass sie kaum noch stehen konnten. Eines Tages wollten sie sich über unsere Kuh hermachen. Als wir einschritten, suchten sie das Weite. Sie rannten los und tauchten irgendwann in Ergankina auf. Ausgehungert. Wir sagten uns, geben wir ihnen besser ein bisschen Brot. Dass auch Frauen darunter waren, hat uns etwas beruhigt. Wir sagten den Aufsehern: ›Lasst sie, wir geben ihnen etwas zu essen.‹ Wir nahmen sie mit nach Hause und gaben ihnen Brot und Milch. Die Aufseher hatten uns eingeschärft: ›Ihr könnt ihnen zu essen geben, lasst sie aber bloss nicht laufen.‹ Also gaben wir ihnen Brot, Dickmilch und Milch und brachten sie dann zum Wachposten zurück. Gott allein weiss, was die mit ihnen gemacht haben. Vielleicht haben sie sie erschossen, vielleicht sind sie entkommen oder auf die Insel zurückgebracht worden. Mein Gott! Wie grausam. Natürlich weiss Gott allein, was das für Leute waren. Wir kannten sie nicht. Sie machten uns Angst. Wir haben sie trotzdem zwei oder drei Tage bei uns aufgenommen, als die Aufseher sie jagten. Wir gaben ihnen zu essen. Es waren doch Menschen. Wir gaben ihnen Milch und etwas zu essen, und die haben sie dann erschossen. Im Spätsommer vor dem ersten Frost verluden sie die Übriggebliebenen auf einen grossen Frachtkahn. Sie stopften ihn bis oben hin voll, und dann fuhr er auf dem Fluss Nasina los. Dort kamen fast alle um. Die Überlebenden brachten sie wohl irgendwohin. Sie fuhren im Kahn auf der Nasina los. Sie mussten semljanki graben. Wie diese semljanki ausgesehen haben, kann ihnen hier jeder sagen. Später haben sie richtige Holzhäuser und sogar ein Clubhaus und eine Brücke über den Fluss gebaut. Das hat mir Vater Kondrati erzählt. Dann liess man die Leute nach und nach frei. Gott weiss, wohin sie verschwanden Ich weiss nicht, ob noch jemand am Leben ist.« Mit diesem Zeugnis und einem Dutzend weiterer, die in Nasino und den Nachbardörfern aufgenommen wurden, kam eine höchst bedeutsame – und besonders tragische – Episode wieder ans Tageslicht, die jahrzehntelang totgeschwiegen worden war: 1933 waren Tausende ›deklassierte und sozial schädliche Elemente‹ aus Moskau und Leningrad deportiert und auf einer kleinen Insel nahe der Einmündung der Nasina in den Ob ungefähr neunhundert Kilometer nördlich der sibirischen Stadt Tomsk ausgesetzt worden. Anfang der neunziger Jahre ist es dank der Öffnung der Regionalarchive von Nowosibirsk und Tomsk sowie durch die Veröffentlichung einer Reihe von Schriftstücken zur Tragödie von Nasino möglich geworden,dieVorgängeauf der ›Todesinsel‹ (Ostrow-Smert’) oder ›Kannibaleninsel‹ (Ostrow-ljudojedow), wie die örtliche Bevölkerung sie nannte, genauer nachzuvollziehen. Die Publikation von Dokumenten der Untersuchungskommission, die im September 1933 eilends vom Regionalkomitee der Kommunistischen Partei von Westsibirien ins Leben gerufen worden war, brachte dieses Vorhaben 2002 einen entscheidenden Schritt weiter. Die Kommission sollte »den Wahrheitsgehalt von Informationen prüfen, die der Gen. Welitschko, der Instrukteur im Parteikomitee des Bezirks Narym, an den Gen. Stalin über die Lage auf der Insel Nasino am Ob geschickt hatte«. Dieser kleine Parteifunktionär hatte zu den Umständen, unter denen Tausende von Deportierten umgekommen waren, eine eigene Untersuchung durchgeführt und in einem mutigen Schritt Stalin persönlich geschrieben. Ohne seine Initiative hätte wohl kaum eine Kommission Licht in diese Vorgänge gebracht. Die Unterlagen dieser Kommission erlauben heute die detaillierte Rekonstruktion der Mechanismen, die zu dieser ›Deportationsaussetzung‹ geführt haben. Sie erhellen zudem, wie das System der ›Sonderbesiedlung‹, das zu Beginn des Jahres 1930 in aller Eile aufgebaut wurde, auf lokaler Ebene funktionierte. Wie fügte sich das Kapitel Nasino in die Politik der massenhaften Deportationen ein, die das stalinistische Regime im Rahmen der ›Liquidierung der Kulaken als Klasse‹ seit über drei Jahren durchführte? Wie und warum wurden diese ›deklassierten und sozial schädlichen Elemente‹, die bei Razzien in Moskau und Leningrad zusammengetrieben worden waren, in diese abgelegene und fast unzugängliche Region deportiert, die fast neunhundert Kilometer von der nächsten Stadt und Eisenbahnlinie entfernt lag? Und wer waren diese Menschen? War die Tragödie von Nasino ›programmiert‹ oder ein ›Betriebsunfall‹, der auf besondere Schlamperei und das Fehlen jeglicher Koordination zwischen den verschiedenen Bereichen im repressiven System des ›zweiten Gulags‹, dem der ›Sonderumsiedler und Arbeitssiedler‹, zurückging? Handelt es sich um ein – besonders tragisches – einzigartiges Ereignis, um den Extremfall einer Deportationsaussetzung? Für Iwan Iwanowitsch Dolgich, den Chef der Abteilung für Sonderbesiedlung im Siblag, war an dieser Episode allein das Verhalten der Deklassierten »extrem«, dieses »Abschaums der Menschheit, der sich dem Kannibalismus hingibt«. »Im November 1930«, so erklärte Dolgich vor der Untersuchungskommission, »hatten wir in den schneebedeckten unberührten Weiten der Taiga unter freiem Himmel fünftausend Kulaken angesiedelt – ohne irgendwelche politischen Konsequenzen [sic!], denn das Kontingent machte sich sofort an die Arbeit, baute Behausungen und kam bestens zurecht.«5 Dieses bemerkenswerte Eingeständnis sagt viel darüber aus, wie sich die für die Deportation der Kulaken letztlich Verantwortlichen den Umgang mit diesen Kontingenten vorstellten! Deren Überleben hing allein von der eigenen Initiative und ihrem Durchhaltevermögen unter mörderischen Bedingungen ab. Tatsächlich ergibt sich das Einzigartige der Vorgänge auf der Insel Nasino, wie wir in diesem Versuch einer Rekonstruktion und Mikrogeschichte aufzeigen wollen, aus dem zeitlichen Zusammentreffen besonderer Umstände: der Deportation einer ungewöhnlichen Gruppe von ›Sonderumsiedlern‹ zum Auftakt einer gross angelegten Kampagne zum Aufbau einer neuen Gesellschaft, beruhend auf dem utopischen Plan, die endlosen unberührten Weiten Sibiriens und Kasachstans zu besiedeln. Dieser Plan war so ›grossartig‹ – so der Ausdruck seines Vordenkers, des OGPU-Chefs Genrich Jagoda6 –, dass er die Leiter der Sonderbesiedlung auf allen Ebenen überforderte. Dabei traten jäh die Mängel des Systems zutage, das in den vorangegangenen Jahren zur Umsetzung der so genannten Entkulakisierung mühselig aufgebaut worden war. Der Anfang 1933 ausgearbeitete ›grossartige Plan‹ wurde letztlich nur bruchstückhaft realisiert. Da die repressive Maschinerie die Kontingente an Deportierten schliesslich nicht mehr ›verarbeiten‹ konnte und sich in der Koordination zwischen Zentrum und Peripherie immer grössere ›Fehlschläge‹ abzeichneten, kamen die grossen Deportationsoperationen nach wenigen Monaten wieder zum Erliegen – zumindest für einige Jahre. Man kann es als tragische Ironie der Geschichte bezeichnen, dass die Ereignisse von Nasino ihren Lauf nahmen, obwohl Stalin nur wenige Tage zuvor den ›grossartigen Plan‹ der Deportationen, den der Chef der politischen Polizei für ihn vorbereitet hatte, weitgehend begraben hatte! Extrem ist die Geschichte von Nasino wegen ihrer Grausamkeit (zwei Drittel der Deportierten kamen in den Wochen nach ihrer Aussetzung durch Hunger, Erschöpfung oder Krankheit um), die in Kannibalismus gipfelte. Sie verrät viel über das Klima der Gewalt und Repression, das zu Beginn der dreissiger Jahre in manchen sowjetischen Regionen herrschte, die unter massenhaften Deportationen und Abwanderungen, hartnäckigen Versorgungskrisen und Hungersnöten, einem ländlichen Banditenunwesen und einem neuerlichen Aufflammen der städtischen Kriminalität litten. Betroffen war insbesondere Westsibirien, der sowjetische Ferne Osten, in den diejenigen, die in der neuen sozialistischen Gesellschaft keinen Platz mehr hatten, deportiert und verbannt wurden – eine Grenzregion, die als Auffangbecken für menschlichen Abschaum galt. Anfang Februar 1933 unterbreiteten Genrich Jagoda, der Leiter der OGPU, und Matwej Berman, der Chef des Gulags, Stalin einen gross angelegten Plan zur Deportation von zwei Millionen »antisowjetischen Elementen aus den Städten und ländlichen Gebieten« nach Westsibirien und Kasachstan. Dank der Erfahrungen der drei vorangegangenen Jahre, in denen zwei Millionen Kulaken2 deportiert worden waren, so erklärten Jagoda und Berman, könne man nun in ein neues und umfassenderes Stadium eintreten und »sämtliche Elemente, welche die entstehende Gesellschaft verunreinigen«, deportieren: Eine Million sollten 1933/34 in Westsibirien und ebenso viele in Kasachstan angesiedelt werden. Im Visier dieses gigantischen Deportationsprojekts standen sechs gesellschaftliche Gruppen: 1.Kulaken, die in den vorigen Jahren noch nicht ›entkulakisiert‹ worden waren; 2. Bauern (einschliesslich derer, die in Kolchosen eingetreten waren), »welche die staatlichen Pläne zum Naturalsteuereinzug und andere vom Staat beschlossene wirtschaftspolitische Kampagnen sabotieren«; 3. Kulaken, die sich in Betrieben und auf Baustellen verstecken oder vom Land geflohen sind«; 4. Individuen, die im Zuge der Säuberung der Westgrenzen der UdSSR ausgewiesen worden sind«; 5. städtische Elemente, die sich geweigert haben, im Rahmen der Operationen zur Einführung von Pässen die Städte zu verlassen«; 6. Personen, die durch Tribunale und Sondergerichte der OGPU zu einer Strafe von unter fünf Jahren verurteilt wurden, mit Ausnahme von »Elementen, die unter einem gesellschaftlichen Gesichtspunkt besonders gefährlich sind«. All diese unter dem Begriff ›Arbeitssiedler‹ deportierten ›Elemente‹ hatten den gleichen Status wie die 1930/31 deportierten Kulaken (die als ›Sonderumsiedler‹ etikettiert worden waren): Sie verloren ihre Bürgerrechte, wurden in ein ›Arbeitsdorf‹ zwangsumgesiedelt und einem besonderen – und besonders harten – Regime zu ihrer Ausbeutung durch die grossen staatlichen Wirtschaftskombinate unterworfen, die damit betraut waren, die Wälder, Bodenschätze und Agrarflächen im sowjetischen Fernen Osten zu erschliessen. Jagodas Plan sah den Einsatz von 75 Prozent der ›Arbeitssiedler‹ – also 1,5 Millionen Menschen – in der Land- und Forstwirtschaft vor. Binnen zwei Jahren sollten sie »den Staat von jeder Unterhaltsleistung entlasten und einer kommerziellen Tätigkeit nachgehen, die es diesem ermöglicht, die bei den Operationen zur Deportation und Ansiedlung der Kontingente angefallenen Kosten zurückzugewinnen«. Die anderen 500 000 würden in den Sektoren Fischerei, Handwerk und Bergbau arbeiten und dabei »eine kleine anhängige Bewirtschaftung zur Selbstversorgung betreiben«. Zur angemessenen Durchführung dieser Deportation und Besiedlung, bei der unter anderem mindestens eine Million Hektar unbebautes Land erschlossen würden, sollten tausend ›Arbeitsdörfer‹ (für jeweils ungefähr 2000 ›Elemente‹ oder 500 Familien) entstehen. Für jedes Dorf waren hundert Wohneinheiten mit jeweils 60 Quadratmetern für 20 Personen avisiert. (Damit standen jedem Deportierten drei Quadratmeter Wohnfläche zu.) Laut Plan würden im ersten Jahr in jedem ›Arbeitsdorf‹ Bäder, eine Krankenstation, eine Desinfektionsstätte »gegen Läuse und andere Parasiten«, Ställe und eine Garage für die Maschinen errichtet, im zweiten Jahr dann eine Schule, eine Kantine, ein Lesesaal, eine Verkaufsstelle et cetera. Für den Bau dieser ›Arbeitsdörfer‹ veranschlagten die Führungen von OGPU und Gulag einen Bedarf von 3 385 000 Kubikmetern Holz, 10 288 Tonnen Eisen und Blech, 6929 Tonnen Nägeln, 2591 Quadratmetern Glas usw. Diese ›Arbeitsdörfer‹ – die sich nur dem Namen nach von den ›Sonderdörfern‹ unterschieden, in die in den drei Jahren zuvor die ›Entkulakisierten‹ deportiert worden waren –, sollten einem Tscheka-Kommandanten mit weit reichenden Befugnissen unterstellt werden. 3250 Tscheka-Kommandanten mit Stellvertretern seien zu rekrutieren, ausserdem 5700 Milizionäre, tausend Techniker, 500 Agrarwissenschaftler sowie 470 Ärzte und Gesundheitsoffiziere. Die Gesamtheit der administrativen, polizeilichen und wirtschaftlichen Leitung der ›Arbeitsdörfer‹ werde von einer eigens geschaffenen Hauptverwaltung Arbeitsdörfer gelenkt werden. »Das heikelste Problem«, so räumten der OGPU- und der Gulagchef ein, bestehe im »Transport der menschlichen Kontingente und des Materials – Baumaterial, Vieh und Werkzeug, Proviant, um das Überleben der Deportierten zu sichern – vom Zielort der Züge oder der Flusskonvois bis zu den Orten ihrer Ansiedlung und wirtschaftlichen Nutzung. Da alle auf praktisch unbewohntem Gebiet liegen, ist mit lokalen Transportmitteln nicht zu rechnen. Nach den vorangegangenen Schätzungen unserer Dienste beträgt der Bedarf für die Transporte 2416 Lastwagen, ausgehend von einem täglichen Transport von 3 Tonnen Fracht über eine Entfernung von 200 Kilometern pro Tag hin und zurück; 90 000 Pferde, wobei davon ausgegangen wird, dass jedes Pferd in der Lage ist, zehn Hektar Land zu bepflügen und zudem Holz zu transportieren; 1200 Traktoren, die sowohl für landwirtschaftliche Arbeiten als auch für den Transport der Fracht und der Kontingente eingesetzt werden.« Genrich Jagodas und Matwej Bermans vorgelegter Plan endete mit einer langen Auflistung der Ausgaben und finanziellen und materiellen Beiträge, die einem halben Dutzend Ministerien und staatlichen Gremien abverlangt wurden. Diese »absolut minimalen« Kosten beliefen sich Schätzungen zufolge, »die sich auf die Erfahrungen während der Operationen zur Deportation und Ansiedlung der Sonderumsiedler 1930/31 stützen«, insgesamt auf 1394 Millionen Rubel, »in absoluten Zahlen tatsächlich grandios, geht es doch um nichts Geringeres, als zwei Millionen fast völlig mittellose Einzelpersonen auf unberührten Territorien anzusiedeln, die Hunderte von Kilometern von jeder Eisenbahnlinie entfernt sind«. Den beiden höchsten Verantwortlichen des staatlichen Repressionsapparates waren die gewaltige Höhe der geforderten Summe und das »enorme Ausmass« des vorgelegten Plans durchaus bewusst, wie auch die folgenden maschinengeschriebenen abschliessenden Zeilen in Grossbuchstaben belegen: »DIE AUFZÄHLUNG DER AUFWENDUNGEN AN GELD, BAUMA-TERIAL, VIEH, TRANSPORTMITTELN, PROVIANT UND LEITERWA-GEN FÜR DAS PROJEKT SIND SO GEWALTIG, DASS UNBEDINGT EINE SONDERKOMMISSION EINZUBERUFEN IST MIT DER AUF-GABE, DEN BEDARF UND DIE DEPORTATIONS-UND ANSIED-LUNGSPLÄNE DER KONTINGENTE ZU VERFEINERN.« Um die Bedeutung, den Stellenwert und die Tragweite dieses ›grossartigen Plans‹ verständlich zu machen, sei hier kurz an den zeitgeschichtlichen Hintergrund zum Jahresbeginn 1933 erinnert. Seit dem Sommer 1932 ist die Lage im Land stark angespannt. Stalin UDSSR Sowjetunion Übersetzer Enrico Heinemann, Norbert Juraschitz Sprache deutsch Original-Titel L' ile aux cannibales. 1933. Une déportation-abandon en Sibérie Masse 135 x 215 mm Einbandart gebunden Sachbuch Ratgeber Geschichte Politik 20. Jahrhundert bis 1945 Sibirien Geschichte Stalinismus Ideologie Straflager ISBN-10 3-88680-853-X / 388680853X ISBN-13 978-3-88680-853-3 / 9783886808533 ISBN: 388680853X. Gewicht/weight: 2000 gr.
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